Weltgästeführertag 2015

Steine erzählen Geschichte(n) …

WGFT 2015 Plakat… zur diesjährigen Sonderführung am 21. Februar 2015. Nachdem die Führungen in den vergangenen Jahren im Zentrum Eisenachs stattfanden, widmeten sich die Akteure  dieses Mal dem Eisenacher Hauptfriedhof. Sicher gibt es in der Innenstadt des „steinreichen“ Eisenachs auch genügend über Steine zu berichten. Aber auch auf dem Friedhof befinden sich Steine des Gedenkens für zahlreiche Persönlichkeiten, an die erinnert werden soll. Wie gut, dass es in Eisenach zertifizierte Gästeführer gibt, die Geschichte lebendig werden und Steine sprechen lassen.

WGFT 2015 (6)Das leicht unbeständige Wetter hielt ca. 120 interessierte Gäste nicht davon ab zu kommen. Die stellv. Vereinsvorsitzende, Ina Conrad, eröffnete um 13.30 Uhr die Veranstaltung. Es folgte ein Grußwort von Frau Sybille Bachmann, die bis zu ihrer Pensionierung 2014 viele Jahre in leitender Postion in der Friedhofsverwaltung tätig war. Frau Heidi Günther von der Eisenach-Wartburgregion-Tourismus GmbH ergriff als nächste das Wort und lobte die gute Arbeit der Gästeführer und Gästeführerinnen und deren Bedeutung für die Stadt.

WGFT 2015 (7)Die Gäste wurden in gewohnter Weise in vier kleineren Gruppen durch unsere Vereinsmitglieder: Dietlinde Petarus, Cornelia Braun, Margit Stephan und Otto Könitzer zu den verschiedenen Stationen geführt. Dietlinde, Cornelia und Otto sind auf diesem Gebiet keine „Neulinge“ mehr! Bereits im Herbst 2014 führten sie die zahlreich erschienenen Gäste über den Friedhof. Diese Führung kam sehr gut an und wird sicher 2015 einen Teil 2 bekommen, bei dem wieder andere Grabsteine in den Fokus gerückt werden.WGFT 2015 (9)

Der neue Eisenacher Hauptfriedhof am Wartenberg wurde am 19. Juni 1868 eingeweiht. Dieser Waldfriedhof ist 118.119 m² groß und stellt ein Zeugnis deutscher Sepulkralkultur des 19. Jahrhunderts dar. Ein großer Teilbereich des Hauptfriedhofs steht aus diesem Grund und wegen des Anteils wertvoller Grabanlagen und Grabmale seit 1993 unter Denkmalschutz.

jüdischer Teil

Das erste Grabmal steht auf dem jüdischen Teil des Friedhofs. Es wurde für den am 30.03.1868 verstorbenen Wollhändler aus Eisenach namens Löbstiebel errichtet.  Auch in Eisenach erinnern zahlreiche Stolpersteine an das Schicksal der während der NS-Herrschaft deportierten und ermordeten jüdischen Mitbewohner. Als Zeichen des Gedenkens wurden von den Gästeführern kleine Steine auf den jüdischen Grabmalen niedergelegt, so wie es jüdische Tradition ist.

WGFT 2015 (23)WGFT 2015 (10)Auf den anderen während des Rundgangs aufgesuchten Gräbern wurden von den Gästeführern Rosen niedergelegt und Grablichter entzündet. So z. Bsp. am Grabmal für Luise und Fritz Reuter, den niederdeutschen Dichter. Hier stand Ina Conrad und berichtete über die Grabanlage des Dichters, dem einige Steine bis zum Weltruhm im Weg lagen. „Eine Absperrung machte sich erforderlich, denn manche Leute betrachten nicht nur mit den Augen, sondern auch mit Händen und Füßen“, so schrieb einst seine Witwe Luise.

WGFT 2015 (14)Gästeführerin Petra Heym sprach am Grab des Ehrenbürgers und ehemaligen Bürgermeisters, Dr. Fritz Janson, über dessen umsichtige Lokalpolitik. Er war kraftvoll, populär, beliebt und förderte die bauliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Die Familie wohnte am Glockenturm an der alten Stadtmauer, dessen Steine einzustürzen drohten.  Der daran befindliche „Trotzkopf“ zeugt noch heute vom Humor damaliger Bürger.

WGFT 2015 (1)Unweit davon befindet sich der ehemalige Privatfriedhof der Familie von Eichel-Streiber. Hier erläuterte Gästeführerin Helga Stange die noch vorhandenen Grabststeine.  Die Gräber waren bis zur Wende 1989 der mutwilligen Zerstörung preisgegeben. Julius von Eichel-Streiber, einer der größten Mäzene der Stadt, wurde anl. der Eröffnung des von ihm gestifteten Theaters 1879 die Ehrenbürgerwürde verliehen. Das Grab von Anna von Eichel, der Stifterin des Diakonissenhauses, wurde in den Fünfzigerjahren umgebettet.

WGFT 2015 (21)Friedrich Eduard von Eichel-Streiber, Rittergutsbesitzer und Teilhaber der Kammgarnspinnerei ließ die große Villa auf dem Pflugensberg 1890-92 im Stil des Historismus errichten. Die Bauausführung übernahm das Architektur- und Baubüro Gustav Stein aus Eisenach. Über 40 Privatvillen, das Burschenschaftsdenkmal, die kath. Elisabeth-Kirche, das Elisabeth-Krankenhaus, das Hotel Kaiserhof und das Johannisbad uvm wurden von dieser Baufirma Stein auf Stein errichtet.

WGFT 2015 (2)Über Stock und Stein tragen schon über 100 Jahre die Esel geduldig Gäste die Wartburg hinauf. Louis Hölzer übernahm einst von seinem Großvater die Eselstation, die heute noch in Familienhand geführt wird. Marcus Petarus (14 Jahre alt), jüngster Akteur an diesem Tag, ist der Urenkel von Louis Hölzer. Er wusste zu erzählen, dass sein Urgroßvater unter tragischen Umständen starb. 1978 erlitt er beim Autoreparieren unter dem Wagen einen Schlaganfall, an dem er verstarb.

Weitere Gräber, die auf dem Rundgang besucht wurden:

Was wären solche Steine ohne die Handwerker, die sie bearbeiten? Die Firma Schäfer – gleich gegenüber vom Friedhof – ist seit 1914 auf diesem Gebiet tätig. Deshalb durften die Gäste auch mal in der Werkstatt  von Andreas Schäfer der jungen Steinmetzmeisterin, Saskia Schäfer,  „über die Schulter schauen“ und ihren Ausführungen zum Thema STEIN lauschen. Viele Gedenksteine und -tafeln im öffentlichen Stadtbild wurden hier schon bearbeitet und beschriftet.

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Dietlinde u Marcus Petarus

Die Spende der Besucher für die „Suppenküche“ und für Kinder von asylsuchenden Familien wurde von unserem Verein auf 360 € aufgerundet.

Vielen Dank allen Spendern und mitwirkenden Kolleginnen und Kollegen. Besonderer Dank geht an Fa. Andreas Schäfer und die Mitarbeiter/-innen der Friedhofsverwaltung für die gute Zusammenarbeit sowie Herrn Andreas Wagner für die Fotos.

siehe dazu auch TA vom 23.02.2015  und Eisenach online vom 23.02.2015

 Artikel: Helga Stange

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 „Steine und Bauwerke sind stumme Zeugen einer großen und manchmal auch beschämenden Geschichte meiner Heimatstadt.  … Den Gästeführern ist zu danken, wenn sie geschichtskundig und liebevoll von ihrer Heimatstadt erzählen. Sie sind gewissermaßen Augenöffner für die Licht- und Schattenseiten unserer Heimat.“  

  • Zitat Pastor Franz Beutel aus Gera
  • in „Augenblick mal“ vom 21.2.2015 gesendet auf MDR-Radio Thüringen